Kreuz und Fahne – über das dritte Band der Serie „Háló-Netz”

Kreuz und Fahne – über das dritte Band der Serie „Háló-Netz”

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Text: János Zsugyel
Budapest – Obwohl das Publikum die Verarbeitung der Geschichte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in den parteistaatlichen Jahrzehnten – im Vergleich zu den anderen historischen Kirchen - im allgemeinen als schnell bezeichnet, könnte man dies im Spiegel der Ereignisse auch als schleppend betrachten. 15 Jahre nach den ersten Parlamentswahlen von 1990 erklärte die Evangelisch-Lutherische Kirche in Ungarn, daß infolge der rechtswidrigen Veröffentlichung der Agentenliste von einer unbekannten Person die Forschung und die Aufarbeitung der Akten, die die kirchlichen Personen betreffen, notwendig sei. Es sind wieder zwei Jahre vergangen, die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche hat den Ausschuss zur Veröffentlichung der Fakten 2007 gegründet.

Während der seither vergangenen fast anderthalb Jahrzehnten ist die Arbeit rhythmisch gelaufen. Durch die Buch-Serie „Netz” des Luther-Verlages sind die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit nicht nur für die kirchlich internen Personen, sondern auch für das breite Publikum erreichbar. Das erste Buch befasst sich mit der Tätigkeit und Bewegungsfreiheit der Kirchen aus theologischer, rechtlicher und historischer Sicht, in den weiteren zwei Bänden sind die Dokumente des Geheimdienstes und die Erklärungen über jeweils zwei kirchlichen Führungspersonen zu lesen. 

In der früheren Ausgabe geht es um die Tätigkeiten der Bischöfe Zoltán Káldy und Ernő Ottlyk, die in den parteistaatlichen Jahren abgelebt sind. Die letzte Ausgabe dagegen bezieht sich auf zwei Bischöfe, die Anfang der 1980-er Jahre in den Bischofsdienst getreten sind, und haben die Wende und die ersten Jahre des Neuanfanges als Leiter der nördlichen und südlichen Diözese geführt. Die Bischöfe Gyula Nagy und Béla Harmati haben ihre Tätigkeit mit der Bewilligung des Parteistaates in offener und geheimer Form der Zusammenarbeit ausgeübt, und später ohne diese Last ihren wertvollen Dienst für die Neustrukturierung  und den Übergang geleistet. Gyula Nagy hat 1989 abgesagt und ist ins Pension gegangen, Béla Harmati aber hat noch jahrelang die südliche Diözese geführt. Die Geschichte der zwei Personen ist spezifisch, da sie die sie betreffenden Dokumente kennenlernen konnten, sie ihre Aspekte und Erklärungen den Autoren erzählen konnten, die dann auch integriert worden  sind.             

In den Jahrzehnten bis 1990 war die Bewegungsfreiheit der Personen im kirchlichen Dienste ziemlich gering. Obwohl die einzelnen Lebenswege unterschiedlich waren, es gab nur zwei Möglichkeiten: das stille Tragen des Kreuzes am Rande der kirchlichen Existenz, oder das Ergreifen der Fahne der dienenden Kirche in zwangsläufiger parteistaatlicher Zusammenarbeit. Die Personen in den Büchern haben zweifellos den letzten Weg gewählt. Die Studien suchen die Antwort darauf, inwiefern die zwingenden Umstände, die inneren Initiativen, das Bestreben nach dem Bestehen in bestimmten Situationen, oder nach der Ausweitung der persönlichen Bewegungsfreiheit mitgespielt hatten. Das Tragen der Fahne konnte für die Betrroffenen gleichzeitig auch das Tragen des Kreuzes bedeuten, die Motivationen konnten sich auf dem Lebenswege ändern. So enthalten die Studien keine Urteile, sondern möchten dabei helfen, uns ein Bild über diese Zeit und über diese Personen zu bilden. Die Autoren der Studien – ohne Zorn und Subjektivität – haben der Einstellung des Historikers gefolgt, obwohl diese wegen der speziellen lutherischen kirchlichen Bedingungen besonders schwierig war.  Personen und Familienmitglieder, die in der Zusammenarbeit mit dem Parteistaat betroffen waren, sind in zahlreichen Fällen auch heute im kirchlichen Dienst. So musste man in der Darlegung der Vergangenheit auf gewisse heutige Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen, die auch im Weg zur Objektivität stehen konnten. Wie ich dies als Außenseiter beurteilen kann, konnte man diese Falle vermeiden, obwohl neben den altentiefen Wunden vielleicht auch neue entstanden sind, da neue Daten oder Beurteilungen zum Vorschein gekommen sind. 

In der Einführungsstudie des Bandes schreiben Professor Tamás Fabiny als leitender Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn und Gergely Prőhle als Landeskurator darüber, daß die Veröffentlichung der Vergangenheit keineswegs mit Absicht der Abrechnung, sondern mit der ehrlichen Anschauung unserer gemeinsamen Vergangenheit erfolgt. Dieser Prozess ermöglicht einem jeden Betroffenen ihr damaliges Selbst kennenzulernen und die damaligen Wirkungen auf die Umgebung zu betrachten. Ihrer Meinung nach bedeuten die Worte von Jesus „ihr sollt nicht fürchten’ auch, daß niemand, weder als Person, noch als kirchliche Gemeinschaft  in ständiger Angst zu leben hat. Wir können uns durch heilende Gespräche von den  geisternen Schatten der Vergangenheit befreien. 

Diese Schatten haben Herrn Gyula Nagy zwei Jahrzehnte nach seiner Pensionierung im Alter von 90 Jahren erreicht. Die Umstände seiner Einfädelung mangels der Akten sind nicht bekannt. Es waren keine mit Decknamen unterzeichnete Dokumente in seiner Arbeitsakte, wo vorwiegend auch im nachhinein vertretbare Schreiben zu finden sind, die man sowohl für kirchliche Aemter, als auch für das Staatliche Büro für Kirchenangelegenheiten hätte verfertigen können. Gyula Nagy hat selbst auch nicht erklärt, daß er eingefädelt würde, nach seiner Bestätigung könne die zwangsläufige Zusammenarbeit – wie er formuliert hatte – „mit staatlichen” Personen kein Beweis für die Agententätigkeit sein. Es scheint da ein Widerspruch  zwischen den von ihm stammenden und den, in Konspirationswohnungen durch Tonband aufgenommenen und danach schriftlich in Dokumenten festgelegten Informationen zu sein. Die Erscheinung in diesen Konspirationswohnungen konnte einem sogar während der Proletardiktatur niemand ohne Absicht der Zusammenarbeit aufzwingen, keiner höheren kirchlichen Leitungsperson mit vielen ausländischen Kontakten. Die Kontakte zwischen Gyula Nagy und der Staatssicherheit wurden in den 1980-er Jahren eingestellt, als seine Einstufung als Geheimarbeiter wegen Parlamentsabgeordneter aufgelöst wurde. In dem Lebensinterwiev des Kirchenhistorikers Botond Kertész zeigt das folgende Zitat auch, welch ein großer innerer Kampf gewesen sein muss, die dunklen Schatten der Vergangenheit betrachtet zu haben. Nach Bekenntnis von Gyula Nagy: „Es geht auch um die Reputation meiner Kinder und Enkelkinder. Und ich will nicht, daß sie jemals  angeklagt würden, daß ich die Interessen der Kirche verraten hätte.”

Die Zusammenarbeit von Béla Harmati mit der Staatssicherheit steht wesentlich detaillierter für die Nachfolger zur Verfügung. Nach der Veröffentlichung der kirchlichen Agentenliste  und nach der Darlegung der lutherischen Fakten hat Béla Harmati seinen Lebenslauf geschrieben und veröffentlicht. Während der Zusammenstellung des Buches hat er mit persönlichen Gesprächen und eigenen Dokumenten die Studie von Katalin Mirák unterstützt. Trotz der Unterstützung dieser Arbeit hat er mehrmals markant seine Meinung über diese Tätigkeit geäussert. Im Jahre 2005: „Ich halte es für empörend, daß die Namen der Personen, die jahrzehntelang die Kirchen belästigt haben, verdeckt bleiben können, die aber erpresst und ausgenutzt worden sind, sind durch offene und teilweise suspekte Listen bekannt.” Er hat sein Bedenken auch ausgedruckt: die Darlegung der Fakten erfolgt vorwiegend aufgrund der geheimstaatlichen Dokumenten, die gegen die Kirchen und deren Vertretern gegenüber subjektiv sind. Die Folgerung der Forscherin Katalin Mirák kann man für fundiert halten : „Von den während der Studie erlangten Kenntnissen, obwohl splitterartig und mosaikmässig,lassen sich doch die öffentlichen und geheimen Details des Lebenslaufes von Béla Harmati in einer Einheit auszeichnen.” 

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