Péter Esterházys Erbe 
im Schutz der Lutherrose

Péter Esterházys Erbe 
im Schutz der Lutherrose

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Text: Ádám Galambos, Titelbild: András Szebeni, Fotos: Krisztina Balogh, Marcell Esterházy, Martin Vukovits, András Szebeni, Péter Simonfi

Budapest – Der vor vier Jahren verstorbene ungarische Schriftsteller Péter Esterházy, der auch im deutschen Sprachraum große Popularität genoss, wäre dieser Tage 70 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass durfte das ungarische lutherische Internetportal lutheran.hu bekannt gegeben, dass die Familie Esterházy die Bibliothek von Péter und Gitta Esterházy der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn geschenkt hat. Verwalter der Bibliothek wird die Evangelisch-Lutherische Zentralsammlung. Gabriella H. Hubert, die Leiterin der Sammlung, Tamás Fabiny, der leitende Bischof, und Gergely Prőhle, der Landeskurator der ELKU, sprechen über die Schenkung, über den geistigen Wert dieses besonderen Kulturschatzes und über die theologischen Aspekte der Esterházy-Texte.

In der Szentkirályi Straße in Budapest – unter der Nummer 51 – befindet sich das Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn und ebenso die Evangelisch-Lutherische Zentralsammlung. Neben zahlreichen Buchraritäten wird hier das Testament Martin Luthers und ein Exemplar der Vizsoly-Bibel, eine der frühesten ungarischen Bibelübersetzungen, aufbewahrt. Die Sammlung ist auch sehr stolz auf die Podmaniczky-Degenfeld-Bibliothek. Sie ist der Nachlass einer ungarischen lutherischen Adelsfamilie, der viele wertvolle Bücher beinhaltet, die seit 1929 als selbstständige Einheit die ganze Sammlung bereichert. In dieses kulturelle Milieu gesellt sich nun die Bibliothek eines der bedeutendsten Autoren der zeitgenössischen ungarischen Belletristik – von Péter Esterházy und seiner Frau Gitta – mit rund 15.000 Bänden. 

Über die Schenkung

Wie kam es eigentlich dazu, dass die Esterházy-Bibliothek der Evangelisch-Lutherischen Kirche überantwortet wurde? Der erste wichtige Moment in diesem Prozess ist mit der Benediktinerabtei Pannonhalma verbunden, so berichtet Bischof Tamás Fabiny. Dort war er auf Einladung des leitenden Abtes Cirill Hortobágyi und seines Vorgängers Asztrik Várszegi im Mai vorigen Jahres bei einer intellektuellen Gesellschaft zu Gast. „In einer Pause dieses Ereignisses habe ich mit Gitta Esterházy gesprochen, die erzählte, dass ihre und Péter Esterházys Bibliothek im Ganzen erhalten möchte, hierfür jedoch einen Platz suche“. »Hat die Evangelisch-Lutherische Kirche vielleicht eine Möglichkeit dazu?«, fragte sie. Ich sagte ja – freilich mit der Bemerkung, dass ich mich für die endgültige Entscheidung mit dem Landeskurator Gergely Prőhle und mit der Leiterin der Zentralen Sammlung, Gabriella H. Hubert, abstimmen müsse. Beide haben die Anfrage mit Freude angenommen. Wir schätzen die edle Geste hoch, dass wir durch die Schenkung die Wächter und Wärter der Bibliothek von Péter und Gitta Esterházy sein können – und wir sind auch stolz darauf.“

Am 29. Oktober 2019 wurde die Schenkungsurkunde nach den Vorbereitungen zwischen der Familie und der Evangelisch-Lutherischen Kirche unterzeichnet. Im Winter erfolgte das Einpacken der fast 400 Buchlaufmeter in Kisten. Vorübergehend befindet sich die Bibliothek am Bischofssitz des nördlichen Kirchenbezirks, wo auch die Bearbeitung stattfindet. Der endgültige Ort der Bibliothek wird im Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche sein. In diesem Zusammenhang erklärte Tamás Fabiny: „Als wir Gitta Esterházy das Gebäude des Landeskirchenamtes und unserer Sammlung zeigten, führten wir sie stolz zur Büste Martin Luthers. Vor dem Postament befindet sich nämlich ein Stein mit der Aufschrift der Installation am Kálvin Platz, die zum 500. Reformationsjubiläum erstellt wurde. Von den 95 Steinen haben wir den gewählt, auf dem Zitate von Martin Luther und Péter Esterházy zu lesen sind: »Wir haben keinen größeren Feind als uns selbst« – von Martin Luther und »Luthers Frage war: Kann ich einen barmherzigen Gott finden? – Meine Frage ist: Kann ich einen barmherzigen Menschen finden?« von Péter Esterházy.  Das zeigt vielleicht auch, dass Spiritualität und Kultur gleichermaßen zur Tradition der Evangelisch-Lutherischen Kirche gehören. Die evangelisch-lutherische Kirche hat in den vergangenen fünfhundert Jahren eine große konfessionelle Offenheit gezeigt, wenn es um die Wissenschaft und um die Kultur ging. So kann es auch sein, dass Luther und Esterházy gut miteinander auskommen.“

Das Verhältnis zwischen Luthertum und Kultur

Gergely Prőhle erklärt, dass die Evangelisch-Lutherische Zentralsammlung in den letzten Jahren eine immer größere Reputation gewonnen hat: „Sowohl das Museum als auch die Bibliothek und das Archiv haben einen bedeutenden Nutzerkreis. Die museologische Bedeutung und die sorgfältige philologische Arbeit wird auch in internationalen Fachkreisen sehr anerkannt. In diesem Zusammenhang ist auch die architektonische Erneuerung des Standortes wichtig. Im Archiv im Erdgeschoss bewahren wir das Testament, den letzten Willen Martin Luthers auf, darüber befindet sich die Bibliothek und ganz oben unsere Kapelle. Das Gebäude selbst zeigt in seiner Symbolik die Einheit, die auch die Substanz der evangelisch-lutherischen Denkweise ist: Die Wissenschaft und die Offenheit gegenüber der Kunst sind uns sehr wichtig. Indes neigen wir aber nicht zu einem gewissen Kulturprotestantismus, sondern über all dem ist die uns bestimmende Geistlichkeit, das Wort Gottes.“

Der Landeskurator betont die Esterházy-Bibliothek betreffend, er sähe „einen zunehmenden Respekt der evangelisch-lutherischen Wissenschaftlichkeit darin, dass die Bibliothek eines so bedeutenden Schriftstellers zu uns gekommen ist“. Gergely Prőhle legte dar, dass er als Landeskurator stolz sei, dass die evangelisch-lutherische Kirche kulturelle, literarische und künstlerische Ansprüche anstrebt. „Unser Standort ist ein natürliches Umfeld für die Wissenschaft und für die Kultur. Das ist aber keine Neuigkeit, sondern eine Rückkehr zur Tradition. Wir dürfen nicht vergessen: Ein ausgezeichneter Historiker, Elemér Mályusz, hat einst ebenfalls in diesen Wänden gearbeitet. Ein großartiger Vorgänger in meinem Amt, Albert Radvánszky, pflegte vor dem Zweiten Weltkrieg regen Kontakt mit den Wissenschaftlern und Künstlern seiner Zeit. Was wir heute tun, ist ein Update 2.0 der edlen Tradition, da wir neben der Aufbewahrung unserer Antiquitäten nicht nur Bücher, sondern auch Meisterstücke der zeitgenössischen Bildenden Kunst sammeln“, teilte er mit.

Gabriella H. Hubert betont, dass die Kirche nicht in erster Linie den Kultus im traditionellen Sinne, in diesem Fall den Esterházy-Kultus, pflegen möchte: „Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir möchten die alte Podmaniczky-Degenfeld-Bibliothek und die neue Péter-und-Gitta-Esterházy-Bibliothek miteinander verbinden, im weiteren Sinne diese in den Kreislauf der ungarischen, im engeren in den der evangelisch-lutherischen Kultur bringen.“ Die Direktorin betont ferner, dass die Kirche auch das Fenster zur Außenwelt öffnet. „Diese Fensteröffnung wird dadurch noch bunter, dass wir auf einem bisher für die Sammlung nicht so stark vertretenen Gebiet eine Wertbewahrung erzielen können. Die Bibliothek von Péter und Gitta Esterházy ist ein Wert – jedes Stück für sich, aber besonders auch im Ganzen –,
den wir stolz bewachen und verwalten werden“, so Gabriella H. Hubert.

Was beinhaltet die Peter-und-Gitta Esterházy-Bibliothek?

„Die ungarische und die deutsche Literatur ist betont vertreten“, erläutert Gabriella H. Hubert. „Es sind einige in der Familie vererbte Bücher und zahlreiche mit Widmung versehene Bände in der Sammlung zu finden. Die große Anzahl der Alben über die bildende Kunst weist auf den Interessenkreis von Gitta Esterházy hin, weiters sind in der Buchsammlung selbstverständlich viele historische Bücher enthalten.“

Tamás Fabiny erklärte, die Familie Esterházy habe angeboten, neben der Schenkung der Bibliothek sämtliche bisher erschienene Bücher von Péter Esterházy – auch in Fremdsprachen – zur Verfügung zu stellen. Dies gelte auch für künftig erscheinende Ausgaben. Im Bibliotheksraum würden zudem nicht nur die Bücher, sondern auch einzelne private Gegenstände ausgestellt.

Gergely Prőhle meint zu den mit Widmung versehenen Exemplaren: „Für die Netzwerkforschung ist es vorrangig, mit welcher persönlichen Widmung die Bände versehen sind. Als ehemaliger Museumsdirektor halte ich es für wichtig, dass die Erbschaft der so ausgezeichneten Autoren wie Esterházy in Ungarn bleibt, da sie nur so richtig zu erforschen und zu bewerten ist und so in die ungarische literarische, kulturelle Tradition eingegliedert werden kann. Ich danke auch deshalb der Familie für diese Entscheidung. Dadurch wird die Sammlung zum Teil des öffentlichen ungarischen Sammlungsnetzes.“

Die Evangelisch-Lutherische Zentralsammlung plant nicht nur die Verwaltung und die Digitalisierung der Péter-und-Gitta Esterházy-Bibliothek, sondern auch die Ausweitung des Kreises an die Leser: „Wir starten eine digitale Suche und eine digitalisierte Sammlung der handschriftlichen Widmungen und Textkorrekturen von Esterházy. Wir fordern das Publikum auf, uns jene digital zuzusenden, die sie in ihrem Eigentum haben. Unser Bestreben ist es, so ein breitflächiges Archiv auch vom Privatbesitz für die Zukunft aufzubewahren“, so die Leiterin der Sammlung.

Foto: Martin Vukovits

Ab wann wird die Bibliothek erreichbar sein?

Der Anfang der Aufarbeitung der Esterházy-Bibliothek war zunächst für April 2020 geplant. Dies musste aber wegen der Corona-Epidemie verschoben werden. Gabriella H. Hubert meint, dass die Aufarbeitung und die Eröffnung der Bibliothek stufenweise gestaltet werden soll: „Wie jede Einheit der Evangelisch-Lutherischen Zentralsammlung verfügt auch die Bibliothek über eine eigene Webseite. Auf der Webseite der Evangelisch-Lutherischen Zentralbibliothek findet sich die Péter-und-Gitta-Esterházy-Bibliothek, wo wir von den laufenden Arbeiten, Nachrichten und Ereignissen berichten. Ein Teil dieser Seite wird für die breite Öffentlichkeit, ein anderer zu wissenschaftlichen Zwecken zugänglich sein. Hier werden wir über den Zeitplan der Aufarbeitung, aber auch von den während der Arbeit erforschten interessanten Einzelheiten berichten.“

Die feierliche Eröffnung der Bibliothek ist für den Herbst 2022 geplant. Bis dahin wird voraussichtlich auch die digitale Aufarbeitung fertiggestellt sein. „Solange wird die Bibliothek im virtuellen Raum erreichbar sein”, merkt die Leiterin der Sammlung an.

Péter Esterházy und die Theologie

Die Erklärung der Gasttexte in den Esterházy-Texten war für die Anhänger der Literatur und Belletristik immer ein Unicum. Dadurch, dass die Bibliothek zur Evangelisch-Lutherischen Kirche gekommen ist, können wir hoffen, dass dies zur weiteren Erforschung eines wesentlichen Segmentes, zur Erklärung der biblischen und theologischen Gasttexte in den belletristischen Werken von Péter Esterházy führt. „Das Buch mit dem Titel »Fuhrleute« ist voll von Motiven aus der Apokalyptik und anderen theologischen Verbindungen, deren Verarbeitung theologisches Wissen verlangt“, so Tamás Fabiny. Der leitende Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche bemerkt zu dem Buch „Korrigierte Ausgabe“, in dem der Autor über die Komplizenschaft seines Vaters mit der kommunistischen Geheimpolizei schreibt, dass einerseits die dort thematisierte Agentenfrage sehr spannend sei, die schon damals in der Kirche und auch in der Gesellschaft oft Thema war, andererseits sei das Buch  aus theologischer Hinsicht eine Schatzgrube: „Ich habe damals meine Habilitationsarbeit über Judas geschrieben. Es ist erstaunlich, wie anspruchsvoll Péter Esterházy viele Texte betreffend Judas verarbeitet hat. Diese Texte hat er für seinen Vater gesammelt als Reflexion. Wir finden in der »Korrigierten Ausgabe« nicht einfach kirchliche und theologisch wirkungshistorische Erklärungen, sondern fachliterarisches Wissen. Esterházy hatte erstaunliche theologische Erklärungen und hat diese Gasttexte gleichzeitig belletristisch anspruchsvoll in seine Werke integriert.“

Der leitende Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche hält das im Jahre 2013 veröffentlichte Buch von Péter Esterházy mit dem Titel „Die Markus-Version: Einfache Geschichte Komma hundert Seiten“ auch theologisch für eine sehr spannende Arbeit. „Péter Esterházy hat zu diesem Werk eine ernste theologisch auf Markus bezogene fachliterarische Arbeit geleistet“, so Tamás Fabiny. Der leitende Bischof erzählt: „Péter Esterházy war im Januar 2015 zu Gast an der Evangelisch-Lutherischen Freien Universität in der Budaer Burggemeinde, um mit den Teilnehmern über dieses Buch zu sprechen. Er hatte damals nicht nur sein Buch, sondern ein theologisches Fachbuch mitgebracht, um korrekt zitieren zu können.“

BILDERGALERIE.

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