Seelsorge statt Sitzungswahnsinn – Dekan Imre Bence im Gespräch

Seelsorge statt Sitzungswahnsinn – Dekan Imre Bence im Gespräch

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Text: Holger Manke aus: Christophoros (Sept. 2015)
Gemeinsame Lebenslinien mit der Budapester Burggemeinde haben etliche Soproner. Gemeinsame Jugend- und Familienangebote und der gemeinsame Weg zur Reformation spannen ein noch engeres Band zwischen unseren Gemeinden. Ausgehend von der Sommerfreizeit in Szigetszentmárton schildert Dekan Imre Bence, wie er sich im Wandel der Zeit seines nun 35-jährigen Pfarrdienstes sieht und wo Ungleichgewichte im kirchlichen Leben behoben werden sollten.

Wir unterhalten uns während unserer gemeinsamen Sommerfreizeit in Szigetszentmárton. Inwiefern ist diese Woche ein „Highlight“ für das Leben eurer Gemeinde?

Ich würde es nicht „Highlight“ nennen, eher eine Art Zusammenfassung des Jahres. Mit denjenigen, mit denen wir das Jahr über in den verschiedenen Kleinkinder, Kinder- und Jugendgruppen und im Konfirmandenunterricht zu tun haben, veranstalten wir eine gemeinsame Woche. Nicht nur die Woche selbst, sondern auch die Vorbereitung gestaltet sich intensiver als bei einzelnen Gruppen. Und doch denke ich, dass das Zusammensein in den Gruppen über das ganze Jahr hinweg weit wichtiger ist als eine Freizeit. Freilich lauert die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche leichter zu solchen Großereignissen kommen als zu den wöchentlichen Treffen. Daher ist es auch eine Herausforderung, wie die Kinder und Jugendlichen, die zur Freizeit kommen, in die Gruppen und Kreise der Gemeinde integriert werden können.

Wenn diese Freizeit unter dem Motto „Willkommen in Narnia“ steht, so verwende ich jetzt auch die Symbolik Narnias: Siehst du diese Freizeit als Tür an, um in die Welt der Gemeinde und der Kirche, in die Welt des Glaubens zu treten?

Natürlich, das ist ein gutes Bild. Insofern war es gut, dass die Tür themengebend für den ersten Tag war. Wir haben den Film gesehen, in dem gut zu verfolgen war, wie die Kinder in die Schranktür hineinklettern und in eine ganz andere, ihnen unbekannte Welt vordringen. Der enorme Vorteil dieser Freizeit ist freilich, dass wir uns hier nicht nur für eine oder anderthalb Stunden treffen, sondern eine Woche über zusammen sind, gemeinsam essen, gemeinsam übernachten, viel miteinander singen, Sport treiben, gemeinsam Freizeit gestalten und gemeinsam auf Gottes Wort hören. Das verleiht dem Miteinander auf der Freizeit eine ganz andere Qualität. Einerseits kann ich mich mit den Kindern und Jugendlichen ausführlicher unterhalten, andererseits lernen sie auch mich besser kennen. So wächst Vertrauen, auch zwischen den Heranwachsenden und der Gemeinde. Sie sehen: Der Pfarrer ist nicht einfach nur jemand in einem schwarzen Gewand, der auf die Kanzel hinaufsteigt und ansonsten unerreichbar ist. Sondern der Pfarrer ist einer von ihnen. Und mein Gebetsanliegen ist immer auch, dass auch die Beziehung der Jugendlichen zu Gott gefestigt wird, denn die gemeinsame und thematische Beschäftigung mit Gottes Wort ist so angelegt, dass es ihnen Leitfaden auf ihrem Weg sein kann.

Wir erleben hier in Szigetszentmárton, wie junge Menschen in die Nähe von Kirche und Gemeinde kommen und der Kontakt zur Kirche gestärkt wird. Nach 17 Jahren als Pfarrer in der Burggemeinde hast du freilich auch die andere Richtung erlebt. Manche, die vor ein paar Jahren begeistert an der Kinder- und Jugendarbeit teilgenommen haben, sind inzwischen nicht mehr im Gemeindeleben präsent. Wie geht es dir damit?

Das ist ein vielgestaltiges Phänomen. Manche ziehen aus Budapest weg und schließen sich dem Gemeindeleben am neuen Wohnort an, dann fehlen sie nicht so sehr in unserem Gemeindeleben, wie andere, die mit Freude und Begeisterung zu den Gemeindeveranstaltungen gekommen sind, und nach einiger Zeit einfach so fernbleiben. In anderen Fällen – und das ist signifikant für Hauptstadtgemeinden – ist es so, dass viele Gemeindeglieder nicht in nächster Nähe zur Gemeinde wohnen und dessen müde werden, immer eine weite Strecke zur Gemeinde zurücklegen zu müssen. In Piliscsaba und Budakeszi gab es in den letzten Jahren Gemeindegründungen, die Gemeinden in Szentendre und Budaörs wachsen. Und natürlich ist es keine negative Entwicklung, wenn zum Beispiel Gemeindeglieder aus Budaörs, die früher zur Burggemeinde gehörten, jetzt das Gemeindeleben in Budaörs aktiv mitgestalten. Das aber erhöht die Fluktuation in der Gemeinde.
Wieder andere finden einen neuen Platz im kirchlichen Leben, sei es in anderen Bereichen der Gemeinde – zum Beispiel im Chor – oder bei anderen Angeboten der Kirche, so zum Beispiel beim Köszi-Tábor („Keresztény Önkéntesek Szövetsége az Ifjúságért“ – Bund der Christlichen Ehrenamtlichen für die Jugend). Solche Entwicklungen schmerzen mich nicht, weil sie ja aktiv bleiben.
Was mich schmerzt, ist wenn jemand aus Enttäuschung der Gemeinde den Rücken kehrt und deshalb nicht mehr an gemeindlichen Veranstaltungen oder an dieser Freizeit teilnimmt.
Manchmal aber steht hinter dem Ausscheiden aus der Gemeinde ein Bruch im Leben – eine Familientragödie, eine Scheidung, Arbeitslosigkeit und Verarmung einer Familie. Da ist es natürlich schwer einzuschätzen, inwiefern das Fernbleiben von gemeindlichen Aktivitäten auch eine zunehmende Entfernung von Gott bedeutet.

Es ist sicher gut, wenn über die Jahre eine enge Verbindung zwischen Pfarrer und Gemeindegliedern entsteht. Doch wenn ein Pfarrer nach langer Zeit Abschied aus dem Gemeindedienst nimmt, wie kürzlich dein Kollege Iván Balicza, der nach 25 Jahren in der Burggemeinde in den Ruhestand ging, siehst du die Gefahr, dass manche Gemeindeglieder der Gemeinde den Rücken kehren, weil ihr Pfarrer – der in der Familie getauft, konfirmiert, getraut, bestattet hat – nicht mehr da ist? Beschäftigt euch das?

Selbstverständlich. Der gute Hirte sucht jeden auf, der verloren geht. Doch natürlich besteht unser Dienst daraus, dass wir die Menschen nicht an uns selbst, sondern an die Kirche und Gott zu binden versuchen. Wo aber eine Verbindung zu einem Pfarrer und nicht zur Gemeinde und Gott entstanden ist, dort wird es automatisch so kommen, dass bei der Ruhestandsversetzung eines Pfarrers auch der Kontakt zur Gemeinschaft reißt.
Ich denke, die meisten Menschen, die das Wort Gottes ernst nehmen, werden nicht fernbleiben, weil der Pfarrer nicht mehr da ist, der ihnen vertraut war, sondern sie werden eher dafür beten, dass ein Pfarrer kommt, den sie genauso schätzen werden, der ebenso lebendig Gottes Wort verkündigt und der sie ebenso gut auf ihrem Weg begleiten kann.
Diejenigen, die fest im Glauben stehen, sind nicht das Problem in so einer Situation, auch dann wenn sie über einen bestimmten Pfarrer zum Glauben und zur Kirche gefunden haben, sondern eher diejenigen, die zu Feiertagen zu „ihrem“ Pfarrer kommen, weil es sich so gehört, da er sie zum Beispiel getraut hat. In diesen Fällen ist die Verbindung zum Glauben eher oberflächlich.

… oder vielleicht nicht oberflächlich, sondern der Glaube ist noch in den Kinderschuhen …

Ja, genau. So kann man das gut sagen. Und um zu dieser Freizeit zurückzukommen: Sie ist vielleicht auch dafür gut, um solche „Kinderschuhe im Glauben“ abzulegen. Ich kann nicht auf jeden gleich gut achten, doch wir sind so viele, die die Freizeit leiten, sei es von unserer Gemeinde oder von euch, die auf diejenigen stoßen, denen der Schuh drückt und mit denen sie sprechen können. So eine Freizeit ist keine Ein-Mann-Angelegenheit, sondern wir erleben hier ja, wie wir Aufgaben unter uns teilen – ebenso ist es mit der kirchengemeindlichen Arbeit insgesamt ja auch.
Und besonders schön zu beobachten ist, wie junge Menschen selbst zu solchen Ansprechpartnern und Leitern – auch im geistlichen Sinne – werden. Ein junger Erwachsener, der hier eine Gesprächsgruppe für Jugendliche leitet, wusste vor seiner Konfirmation nichts von der Kirche, noch nicht mal ob „Evangelische“ etwas zum Essen oder zum Trinken sind. Bei der ersten Konfirmandenstunde dachte er, dass Luther die Reformierten entdeckt hat. Dann wurde ihm schnell klar, dass er da etwas falsch verstanden hat. Und dieser Junge ist jetzt hier und leitet mit Herz und Seele eine Gesprächskreis und nimmt geistliche Leitungsarbeit wahr! So etwas erleben zu dürfen, ist großartig.

Du feierst während der Freizeit den 35. Jahrestag deiner Ordination. Ergreift dich nach so langem Dienst als Pfarrer noch die Frage „Wer bin ich, dass ich Gottes Wort verkündige, dass ich diese große Verantwortung als Seelsorger übernehme?“

Bei mir ist das heute viel mehr eine Frage als am Anfang meines Pfarrdienstes. Damals habe ich mich auf meine Kraft und meinen Elan verlassen. Damals dachte ich: Ich habe alles im Gepäck, was man als Pfarrer braucht: Ich komme aus einer Pfarrerfamilie, war Mitglied im Gemeindeleben und in Jugendgruppen, habe an der Uni bei den Vorlesungen gut aufgepasst. Ich kann das alles, komme, was wolle, ich bin bereit!
Wenn aber die Kräfte nicht mehr so ausgeprägt sind, wie als junger Mann, wenn auch der Elan schwindet, dann kommt die Frage auf: Bin ich eigentlich – noch – geeignet? Warum hat Gott gerade mich in diesen Dienst berufen? Warum nutzt er mich für seine Ziele? Will er mich wirklich hierzu nutzen?
Gerade jetzt, da ich das 35. Ordinationsjubiläum begehe, ging mir durch den Kopf, dass ich viel unsicherer bin, ob ich am richtigen Platz bin, als zu Beginn meiner Dienstzeit. Ein konkretes Beispiel: Als junger Pfarrer habe ich drei oder vier Stichworte auf einen Zettel geschrieben und bin so auf die Kanzel gestiegen – und habe so frei heraus predigen können. Heute bin ich unsicher, wenn nicht jedes Wort aufgeschrieben ist und vor mir liegt, weil ich sicher sein will, was ich eigentlich genau sagen werde. Damals hatte ich ein großes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen – und das hat nachgelassen.
Wenn vom Nachlassen der Kräfte die Rede ist, sei auch gesagt, dass administrative Aufgaben, die mit der pfarramtlichen Geschäftsführung einhergehen, natürlich auch kraftraubend sind. Wenn ich Sitzungen leite, Verwaltung ausübe, kirchenrechtliche Aufgaben habe, Verträge knüpfe, dann geht das auf Kosten der konkreten Arbeit in den Gemeinden und Gruppen und auf Kosten der Seelsorgetätigkeit. Übrigens, in diesem Zusammenhang beschäftigt mich der Roman „Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse, denn eine Lehre dieses Buches ist die Einsicht, dass es Unfug ist, die ganze Zeit nur Sitzungen und Konferenzen abzuhalten, sondern mehr bringt es, hinauszugehen und sich mit den Kindern – sei es nur mit einem – zu beschäftigen. Ich selbst habe lange Zeit alles mögliche getan, auch als Mitglied der Synode, und wollte die Welt verändern und habe eine Sitzung nach der anderen besucht. Und dann kam ich darauf, dass aus den Weltveränderungsideen nichts wird. Im Gegenteil: Manchmal schaden wir der Kirche nur, wenn wir manches verkomplizieren. Wo wir wirklich etwas tun können, ist das Persönliche: Das persönliche Vermitteln von Glaubensdingen, die Seelsorge, das Auf-einander-Achten von Mensch zu Mensch – davon bekommen die Gemeindeglieder oft sehr wenig. Und ich merke, dass es da in unserer Kirche ein großes Ungleichgewicht gibt: Was am nötigsten ist, dafür bleibt am wenigsten Zeit und Energie.
Ich denke und hoffe, wenn wir dafür beten, dass sich das ändert und dass sich für den Dienst der Pfarrer eine Schwerpunktverschiebung hin zum Wesentlichen einstellen kann.

Sollte dich die Bitte erreichen, etwas zu formulieren, was in der Kirche geändert werden muss, würdest du einen „Liebe Amtsbrüder und -schwestern! Konzentriert euch auf das Wesentliche!“-Aufruf starten?

Ja. Ein Beispiel: Nach den letzten Wahlen in der Kirche hatten wir das Problem, dass wir nicht mehr alle – der in den letzten Jahren immer zahlreicher gewordenen – Ämter und Pöstchen im Dekanat und im Kirchenbezirk besetzen konnten, weil sich für manches niemand finden ließ, der auch geeignet wäre. Da sagte ich, warum probieren wir nicht einfach mal kirchliches Leben so, dass wir zwei oder drei Jahre lang Kirche sind – aber ganz ohne Sitzungen jeglicher Art, sondern einfach nur mit Gemeindeleben. Keiner hat das ernst genommen, alle haben diesen Vorschlag als verrückt erklärt, weil ganz einfach das kirchliche Sitzungswesen heiß und innig geliebt wird. Wie kann man besser nachweisen, dass man was in der Kirche tut, als zu Sitzungen zu gehen? Das war jetzt natürlich eine ironische und vielleicht auch verletzende Frage, aber dennoch: Was wäre Kirche, wenn wir nicht ständig von einer Sitzung zur nächsten müssten? Würde Kirche auch funktionieren, wenn wir die Berichte von Bischöfen und Kuratoren nicht anhören würden?
Wenn wir etwas reformieren könnten, dann würde ich für die Abschaffung des Sitzungswahnsinns plädieren – der ist sicher keine glückliche Einrichtung der Kirche. Und ich würde mich dafür aussprechen, dass wir weniger Energie auf Massenveranstaltungen legen – dann würden Energien frei für das persönliche Miteinander.
Freilich sind „Massendemonstrationen“ unserer Kirche nichts schlechtes, aber Kirche zu demonstrieren funktioniert dann, wenn Gemeinden wachsen! Wenn wir irgendwelche Großveranstaltungen durchführen und dorthin nur die kommen, die ohnehin zu allem kommen, dann demonstrieren wir damit weniger die Kraft der Kirche, sondern höchstens die Anzahl derer, die zu so etwas kommt. Das klingt nach großer Kirchenkritik, doch Fakt ist, dass wir bei einem „Tag des Kirchenbezirks“ niemanden sehen, den wir nicht schon seit Jahrzehnten kennen. Und ich sage das ja nicht als jemand, der nicht selbst solche Großveranstaltungen organisiert hätte – von dieser Freizeit angefangen über das Festival der Burggemeinde bis hin zum Szélrózsa-Jugendtreffen habe ich ja schon vieles geleitet und gestaltet. Und dennoch denke ich, um auf deine erste Frage zurückzukommen, dass diese Großereignisse nicht die Highlights kirchlichen Lebens schlechthin sein sollten – sondern eben eher Zusammenfassungen.

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