Die Kirche des Außenseiters, der Jesus heißt

Die Kirche des Außenseiters, der Jesus heißt

Share this content.

Text: Tamás Fabiny in Népszava, Übersetzung: Ildikó Domokos, photo: unsplash.com
Als ich vor einem Jahr in der leeren Kirche am Wiener Tor Platz über das leere Grab meine Predigt hielt, hätte ich es nicht gedacht, dass das erschütternde Erlebnis, kein einmaliges sein wird. Doch es ist bereits unser zweites Ostern im Schatten des Corona-Viruses.

Als ich vor einem Jahr in der leeren Kirche am Wiener Tor Platz über das leere Grab meine Predigt hielt, hätte ich es nicht gedacht, dass das erschütternde Erlebnis, kein einmaliges sein wird. Doch es ist bereits unser zweites Ostern im Schatten des Corona-Viruses. 

Wo ist Gott jetzt? Fragen Gläubiger und Außensteher. Der Psalm 42 „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser …“ stellt gerade so eine Lebenssituation vor: „Meine Tränen sind mir Brot geworden bei Tag und bei Nacht; man sagt zu mir den ganzen Tag: Wo ist dein Gott?” (Psalm 42,4). Auf mich, als Pfarrer, der vielen das Wort Gottes verkündet, wirkt folgender Satz erniedrigend, er wirft mich auf den Boden: „Ich denke daran und schütte vor mir meine Seele aus: Ich will in einer Schar einherziehn. Ich will in ihr zum Haus Gottes schreiten, im Schall von Jubel und Dank in festlich wogender Menge.” Jetzt gibt es keinen Schall und Jubel, verstummt sind die Gesänge. Kinder werden Tränen zum Brot haben, Kinder, die beiden Eltern in der Pandemie verloren. Weinend rufen wir die Krankenhäuser an, um zu erfahren, ob unsere geliebten Menschen an das Beatmungsgerät angeschlossen sind. Am Ende einer unendlich langen Schicht zieht die vielerfahrene Ärztin schluchzend seinen Skaphander aus. In unserer Seelendürre lechzen wir wahrlich wie der verschmachte Hirsch nach frischem Wasser.

Wo ist jetzt Gott?

Elie Wiesel ist, die einem hilft, die Antwort zu finden. In seinem Schreiben Die Nacht führt sie uns in einen KZ-Lager, wo drei Menschen öffentlich aufgehängt werden. Zwei unter ihnen sind Erwachsene, die schnell verscheiden. Doch der Körper des kleinen Pipels, „des Engels mit den traurigen Augen“ ist zu leicht, sein Todesringen dauert eine halbe Stunde lang.  „Wo ist Gott jetzt?“  - fragt jemand. Die Schriftstellerin hört in ihrem Inneren eine Stimme, die sagt: „Wo? Da – da hängt Er am Galgen ...“  Selber verstehe ich so den Satz, dass Er mit dem Menschen mitleidet. Der ansonsten wortgewandter Jesajas, „Wisser wuchtiger Worte“ findet schwer die richtigen Worte, als er als Beispiel der Compasssion, des Zusammenleidens den Knecht vorstellt: „Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut.“ (Jes 53,3). Das Christentum sieht in diesem verachteten Knecht das Vor-Bild von Jesus. Am Karfreitag durfte das handvolle geschlagene Heer, das den Mut hatte Jesus bis zum Kreuz zu begleiten, gesagt zu haben: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.“  - doch dann haben sie vielleicht den Propheten sehr leise so weiterzitiert „Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt” (Ézs 53,4-5).

Die „Schädelstätte“ lag außer von Jerusalem, in der Nähe der städtischen Mülldeponie. Wie eine Grube, in die die toten Tierkörper hineingeschmissen werden, außerhalb des Gartenzauns. Oder  wie der Ort, weit weg von der Stadt, wo Streunehunde, nachdem sie gefangen wurden, kurz gefangen gehalten und getötet werden. Der gefestigte Jesus hatte allein außer den Stadtmauern Platzt. Auch das hat seine Vorgeschichte in der hebräischen Bibel: „Lass den, der den Fluch ausgesprochen hat, aus dem Lager hinausführen!  - dann soll ihn die ganze Gemeinde steinigen.“ lesen wir in der Thora (3 Mose 24,14). Der Golgatha kann an der Schnittstelle der westlichen und nördlichen Stadtmauer, außer von Jerusalem gewesen sein. Doch das ist lange nicht eine topografische, sondern eine theologische Frage.  Der Nazarener wurde Gottesverflucher genannt, den man „außerhalb des Lagers“ liquidieren musste.

Das Werk der Erlösung erfolgte nicht in der kaiserlichen Hauptstadt des Reiches, sondern in dessen weit gelegenen Provinz.  Sich an den Namen dessen knüpfend, der Sohn eines erdrückten, keine politische Macht besitzenden und besetzten Volkes war. Und das alles geschieht außer der Stadt, auf einer Müllhalde.

Ähnliches passierte auch zu Weihnachten. Vergebens setzt der Evangelist in einen großen historischen Rahmen die Ereignisse, auch den Namen des Kaisers Augustus erwähnend, der Erlöser ist an einem entfernten Ort geboren worden. Nicht einmal in Jerusalem, sondern im namenslosen Betlehem. 

Die armen Weisen von Bethlehem, kaum fanden sie den Weg dahin: es ist kein Zufall, dass sie zuerst in Jerusalem, in der Villa von Heródes hin und her staksten.  Doch Jesus kam nicht in einem Schloss, sondern in einer Hütte zur Welt. Genauer gesagt in einem Stall, weil die Türe der Gasthöfe vor Maria und Josef alle zu blieben.  Vielleicht haben sie die Türe vor ihren Nasen in Begleitung solcher Worte zugeknallt: „Sucht das Weite!“ Und Jesus lebte seitdem in diesem Gewissen: außen ist es weiter. Und darüber hinaus musste Josef mit seiner Familie vor der Rache Herodes nach Ägypten fliehen, was bedeutet, dass Jesus eigentlich seit frühsten Alter erfahren hatte, was es bedeutet Flüchtling zu sein.  Außen ist es weiter? Außerhalb der Mauer, der Grenzen und der Flüchtlingslager. Als Erwachsener schon sagte er: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.” (Mt 8,20).

„Du wirst es noch erfahren, wo der Herr zu Hause ist!“  - lautet oft die Bedrohung. Begreifen wir wenigstens jetzt – zur Zeiten der Pandemie – wo der Herr wohnt? Unter den ausgestoßenen, den zur Flucht gedrungenen, den mit Ausrottung bedrohten und mit dem Tod gezeichneten Menschen. Immer am Rande. Am Galgenplatz und auf der Müllhalde. In Betlehem und auf dem Golgota. Niemals im Machtzentrum. Nicht in dem sogenannten Zentrum, sondern an der Peripherie. Es gab auch solche historische Epochen, in denen nicht nur die Außenseiter, die Haiden und Gotteslosen Jesus von sich wegstoßen, sondern sogar auch noch die Kirche. Die, die sich auf Ihn bezogen, doch seinen Namen grässlich missbrauchten.  Die, die Augenzeugen vom seelisch-körperlichen Leiden anderer, vom Hass und Unterdrückung waren, doch ihre Stimmen gegen die Ungesetzlichkeiten nicht hoben.

Mit Buße müssen wir feststellen, dass die Kirche selbst derjenige war, der zu Jesus sagte: „Hier gibt es keinen Platz für dich! Außen ist es weiter!“ Über das schreibt Dosztojevszkij in den Brüdern Karamasow in der Geschichte über den großen Inquisitor.

Laut Handlung erscheint im mittelalterlichen Spanien Jesus erneut in einer Stadt, doch der Vertreter der heiligen Inquisition will ihn unbedingt auf dem Scheiterhaufen wissen. Der hochbetagte Kardinal-Inquisitor macht ihm Vorwürfe und stellt grob die Frage: „Du hast kein Recht die Dinge zu ändern. Hast alles uns übertragen. Warum bist du zurückgekommen?“ Danach bekennt er sich dazu, dass es für Jesus keinen Platz in der mittelalterlichen Kirche gibt. „Du hast gesagt, du befreist die Menschen. Anstatt dessen erwarten aber wir unbedingte Gehorsamkeit.  (…) Mit deiner Rückkehr erschütterst du den Glauben daran, was wir in deinem Namen getan haben. (…) Wir können es dir nicht erlauben zu den Menschen zurückzukehren, damit du jene Kirche in die Tiefe stürzt, die wir aufgebaut haben.“ Am Ende tritt er an die Tür, öffnet sie und spricht zu Jesus: „Geh, und komm nie wieder hierher … überhaupt … komm niemals … nie, nie!“ Und damit lässt er ihn hinaus „in  die dunklen Orte  der Stadt.“  Und erneut wird unserem Jesus die kalte Schulter gezeigt. Er hat außer der Mauer zu sein. Doch hier können wir uns wieder an das Neu-Testament wenden, in dem in einem der Briefe betont wird, dass Jesus „außer des Tores litt.“ Doch er nimmt diese als Bloßstellung gedachte Situation als eine Möglichkeit und für ihre Nachfolger*innen als ein Lebensprogramm wahr.  „Lasst uns also zu ihm vor das Lager hinausziehen und seine Schmach auf uns nehmen.” (Hebr 13,13). Nach diesem langen theologischen Gedankenlauf muss ich die Frage stellen: wo ist denn der Platz der Kirche heute? Was logisch der Frage „wo ist Gott?“ folgt. Die Antwort kann nur eine sein: da, wo Jesus ist. Der Jünger ist nicht größer als sein Meister. Wenn der Meister verspottet wird, wird auch der Jünger zur Zielscheibe des Spottes. Wenn Jesus arm ist, kann die Kirche auch nicht reich sein. Wenn er auf die Macht verzichtet, können die seiner sich auch nicht mit den Mauern einer Bastei umschließen.  Wenn Jesus auf dem Kreuzweg ist, darf die Kirche nicht den Ruhm vertreten.

Dietrich Bonhoeffer, der von den Nationalsozialisten ermordete Theologe schreibt folgendes: „Wo ist eigentlich der Platz der Kirche?  Es ist kein konkreter, was man von vornerein abstecken könnte. Es ist der Platz des anwesenden Christus in dieser Welt.  Gottes Wille sucht diesen oder jenen Platz zu diesem Zweck aus. Deswegen können die Menschen diese nicht markieren und im Voraus  für sich beanspruchen. Dieser gnadenvolle Ort wird durch die Anwesenheit Gottes qualifiziert. Der Ort muss sich zu ihm bekennen. Der Kirche ist es nicht gegeben über einen historischen Ort als Gottes zu bestimmen.  Weder die Staatskirche noch das Bürgertum ist dieser Ort. (…) Wo Gott mit seiner Gemeinde sich unterhält, da wird die Gemeinde das wirkliche Zentrum aller menschlichen Orte, unter allen menschlichen Umständen kann es vorkommen, dass das, dann am meisten zu entbehren sei.“   (…) „Niemand weiß es wo dieser Mittelpunkt sein wird. Mit historischem Maße kann es auch an der Peripherie sein, wie im Römischen Reich in Galiläa oder in Wittenberg des 16. Jahrhunderts. Doch Gott macht diesen Ort sichtbar.“  Das Konzentrationslager und das Gefängnis sind wirklich die Peripherie  - da und dort wurden sie dennoch zur wahren Zentrale. Die bekennenden Christen mussten „außerhalb des Lagers“ gehen wenn sie Jesus folgen wollen.  So taten auch die glaubwürdigen Jünger Jesus unserer Zeit: das tat auch die jüdischen und andere verfolgten Kinder rettender Gábor Sztehló, Jane Haining, die den Martyrertod auf sich nahm für die, die ihr anvertraut waren, und der Mann, der ins Gefängnis gehen musste, weil er sich der Angelegenheit der Minderheit annahm – János Esterházy. Und das tun alle, die sich auf den langen Weg machen für die Kleinen, Waisen, Flüchtlingen, Obdachlosen oder in Tiefarmut Lebenden, sollte der Anruf von Csaba Böjte, Gábor Iványi oder aus den Kreisen unserer Diakonie, wie Hilfswerke kommen.

Papst Franziskus predigte einen Tag vor seiner Wahl zum Papst über die nächsten Worte: „Jesus steht vor der Tür und klopft“. Meistens verstehen wir diesen Satz so, dass Jesus um Einlass bittet, und dass er nur von Innen in eine Gemeinschaft hereingelassen werden kann. Doch Kardinal Bergoglio setzte seine Predigt so fort: “Jesus klopft heute an der Tür der Kirche und will von innen nach außen gehen.“

Ostern in meiner Auslegung weist auch darauf hin, dass Jesus nicht die Absicht hat nur in der Kirche zu bleiben. Nicht einmal nur in Jerusalem. Und am allerwenigsten zwischen den Mauern. Er weiß und glaubt auch: außerhalb ist es weiter.  Deshalb die Nachricht des auferstandenen Jesus an seine Jünger: „ [ich] will […] vor euch hingehen nach Galiläa.“

Was in einem Stall in Betlehem begann, sich auf der Müllhalde außerhalb den Mauern fortsetzte, erfüllte sich auf einem Friedhof. Heute, zur Zeit der Pandemie, in der wir riesige Verluste erleiden ist es aussagekräftig. Das geschlagene Heer der Frauen, die sich auf die Trauerfeier vorbereiteten und das der erbitterten Jünger begegnen den auferstandenen Jesus im Friedhof. Sie erleben das wahre Wunder, das Wesen des Osternglaubens, dass das Leben über den Tod triumphiert. Danach beschäftigen sich die Jünger des Auferstandenen nicht mehr mit sich alleine. Jesus möchte keine in sich kehrende Kirche haben. Gelinde gesagt müssen wir den lateinischen Ausdruck ecclesia incurvata in se in diesem Sinne überdenken. Die Kirche ist da, wo Christus ist. Und wo ist Christus? Meistens beiseitegeschoben: am Rande. Unter den Kranken und Leidenden, im Tal des Todesschattens. Seine Kirche hat da Platz und nicht an der Sonnenseite.

Der auferstandene Jesus machte sich aus dem Friedhof auf den Weg, Richtung „Galiläa der Heiden“.

Folgt seine Kirche ihm an die Peripherie, unter die Notleidenden?

Címkék: Tamás Fabiny -

Az evangelikus.hu cikkeihez a Magyarországi Evangélikus Egyház Facebook profiljában szólhat hozzá, itt mondhatja el véleményét, oszthatja meg másokkal gondolatait: www.facebook.com/evangelikus
A hozzászólásokat moderáljuk, ha gyűlöletkeltő, törvényt, illetve személyiségi jogokat sért. Kérjük, mielőtt elküldi véleményét, a fentieket vegye figyelembe!